◆ Ruhige Gastronomie

Anwendungsfall

Aufenthaltsqualität & Akustik: Wie ein zu lautes Restaurant wieder zum Ort für lange Abende wird

Modernes alpines Restaurant mit skulpturalen Filz-Akustikelementen an der Decke und Holzlamellen-Wand

Die Technikintegration im Innenausbau der MULTIMEDIAFABRIK aus Vorarlberg plant Raumakustik und Beschallung zusammen: Absorptionsflächen als Teil des Materialkonzepts, Nachhallzeiten nach der Logik der DIN 18041 und eine Musikanlage, die in Zonen arbeitet statt mit einem einzigen Lautstärkeregler. Messung, Konzept, Elemente und Einmessung kommen aus einem Haus.

Ausgangssituation

Ein Restaurant in einem Hotel im Alpenraum war architektonisch genau das, was der Bauherr wollte: hohe Decke, Sichtbeton, große Glasflächen zum Tal, geschliffener Estrich, lange Massivholztische. Materialtreue, klare Kanten, kein Textil.

Genau diese Materialliste ist eine akustische Ansage. Harte, glatte, parallele Flächen reflektieren fast alles, was an Sprache und Geschirrgeräusch entsteht. Ab etwa der halben Auslastung setzte der bekannte Effekt ein: Jeder Tisch wurde lauter, weil der Nachbartisch lauter wurde. Das Servicepersonal musste Bestellungen zweimal abfragen. Gäste blieben nach dem Hauptgang nicht mehr für einen Digestif, sie zahlten und gingen. Der Betreiber sprach von Stimmung, gemeint war Erschöpfung.

Was sich das Büro wünschte

Wir wollen den Raum nicht mit grauen Schaumstoffplatten zukleben. Wenn wir Akustik einbauen, muss sie aussehen, als hätten wir sie von Anfang an so entworfen. Und wir wollen wissen, wie viel Fläche wir wirklich brauchen, bevor wir irgendetwas bestellen.
Innenarchitektin und Kundin vergleichen Material- und Lichtmuster an einem niedrigen Tisch im hellen Studio

Warum Akustik plus Zonenbeschallung die Lösung war

Erst rechnen, dann gestalten:
Die DIN 18041 ordnet Räume mit Kommunikationsnutzung der Raumgruppe A zu und leitet den Soll-Nachhall aus dem Raumvolumen ab. Für Sprache und Vortrag gilt die Formel Tsoll = 0,37 x lg(V) – 0,14 s. Damit steht der Zielkorridor fest, bevor über Optik geredet wird.
Ein Vergleichsmaßstab, den jeder kennt:
Die ASR A3.7 nennt für Arbeitsstätten Obergrenzen von 0,5 s im Callcenter, 0,6 s im Großraumbüro und 0,8 s im Ein- oder Zweipersonenbüro. Diese Werte gelten nicht für Gastronomie, sie zeigen aber, in welcher Größenordnung sich angenehme Kommunikationsräume bewegen.
Absorption als Entwurfselement:
Deckensegel, Holzlamellen mit Vlies, textile Wandpaneele und bedruckte Absorber übernehmen die Fläche, die rechnerisch fehlt, und bleiben Teil der Gestaltung. Mehr dazu unter Akustik als Gestaltung.
Zonen statt Zentralpegel:
Bar, Fensterreihe und Nische bekommen eigene Lautsprecher und eigene Pegel. So bleibt Musik in der Bar präsent, ohne die Tischgespräche am Fenster zu übertönen.
Messung als Grundlage und als Nachweis:
Vor dem Eingriff wird gemessen, nach dem Eingriff wieder. Das Ergebnis ist ein Protokoll und keine Behauptung.

Umsetzung

SchrittInhalt
BestandsaufnahmeRaumvolumen, Materialliste, Nachhallmessung im leeren und im möblierten Zustand
ZielwertSoll-Nachhall nach DIN-18041-Logik für die tatsächliche Nutzung, mit Toleranzband
Flächenbilanzrechnerisch benötigte Absorptionsfläche, verteilt auf Decke, Wand und Textil
GestaltungAuswahl von Deckensegeln, Lamellen und Paneelen gemeinsam mit dem Büro
BemusterungMuster von Oberfläche, Farbe und Bespannung vor der Freigabe
Beschallungdrei Zonen mit eigenen Pegeln, Lautsprecher bündig oder in die Akustikfläche integriert
EinmessungPegel- und Klangabgleich je Zone, Tagesprofile für Mittag, Abend und Bar
NachweisMessprotokoll nach Fertigstellung, Übergabe an Bauherrn und Büro

Die wichtigste Entscheidung fiel bei der Verteilung der Flächen. Absorption nur an der Decke hätte den rechnerischen Zielwert erreicht, aber die Flatterechos zwischen den parallelen Wänden gelassen. Erst die Kombination aus Deckensegeln und Wandflächen brachte den Raum zur Ruhe.

Ein zweiter Punkt wurde bewusst offen angesprochen: Ein Gastraum ist kein Konzertsaal, und ein Zielwert aus der Norm ist ein Korridor, kein Versprechen. Bestuhlung, Tischwäsche, Vorhänge und vor allem die Zahl der Gäste verändern das Ergebnis jeden Abend. Deshalb wurde die Fläche mit Reserve geplant und die Messung im möblierten Zustand wiederholt, statt aus einer Berechnung im leeren Raum eine Zusage abzuleiten.

Minimalistische alpine Hotelsuite mit glatten Putzflächen ohne sichtbare Lautsprecher oder Geräte

Ergebnis

Gespräche ohne erhobene Stimme · Akustik als Designelement statt als Notlösung · Gäste bleiben länger am Tisch

Der Nachhall liegt im Zielkorridor
der Norm für die tatsächliche Nutzung, belegt durch Messung vor und nach dem Eingriff
Der Aufschaukel-Effekt bleibt aus
, weil die Reflexionen fehlen, die ihn antreiben
Das Servicepersonal arbeitet leiser
, Bestellungen müssen nicht mehr wiederholt werden
Die Akustikflächen lesen sich als Entwurf
, nicht als nachträgliche Reparatur
Musik funktioniert wieder als Stimmung
, weil jede Zone ihren eigenen Pegel hat

Was sich daraus ableiten lässt

Lautstärke im Gastraum ist selten ein Musikproblem und fast immer ein Nachhallproblem. Wer am Lautstärkeregler dreht, behandelt das Symptom. Drei Punkte gelten über vergleichbare Projekte:

Die Norm liefert den Zielwert, das Büro die Form.
Absorptionsfläche ist eine Rechengröße, ihr Aussehen ist eine freie Entscheidung.
Materialschöne Räume sind akustisch anspruchsvoll.
Sichtbeton, Glas und Stein brauchen ein Gegengewicht, sonst zahlt die Aufenthaltsqualität den Preis.
Zonen schlagen Lautstärke.
Ein Raum mit drei Pegeln wirkt ruhiger als derselbe Raum mit einem lauten. Wie sich Akustik und Material bedingen, vertieft Material und Technik zusammendenken.
Flach in ein Eichenpaneel eingelassenes Display mit schmalem Rahmen wirkt wie ein gerahmtes Kunstwerk

Bring deinen Gastraum zur Ruhe

Wird dein Restaurant ab der halben Auslastung unangenehm? Wir messen, rechnen den Zielwert und entwerfen mit dir die Absorptionsflächen, die zu deinem Material passen, inklusive Zonenbeschallung und Nachweis.

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Unsichtbare Technik: Praxisbuch für Innenarchitekten

  • Lichtdesign mit LED: Lichtlinien, Farbtemperatur, flackerfreie Dimmung
  • Unsichtbarer Klang: Lautsprecher unter Putz und hinter Bespannung
  • Das Display als Designobjekt: Nische, Rahmen, Spiegel, versenkbar
  • Akustik als Gestaltung: Absorber, die man zeigen darf
  • Detailpunkte für die Planung: Schattenfuge, Einbautiefe, Revision
  • Bemusterung in den Studios in Koblach statt Auswahl aus dem Katalog
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